Voluntariat in Israel

Volontärin in Israel - Bist du verrückt?

Sahra Westphal aus Neuhäusel berichtet aus Israel

Diese  Frage war die übliche Reaktion auf mein Vorhaben, für 6 Monate als Volontärin in einem Kibbuz in Israel zu arbeiten. Auf das häufig gestellte „Warum?“ konterte ich „Warum nicht?“. Warum nicht das Land besuchen, das so hart um die eigene Existenz gekämpft hat? Warum nicht mehr über die Religion erfahren, die seit jeher so viel einstecken musste? Warum nicht sein eigenes Bild über diesen 22.145 km² großen Fleck der Erde machen, der in den Medien nur durch Terror und Gewalt bekannt ist?  

Mein Name ist Sarah Westphal, ich bin 19 Jahre alt und komme aus Neuhäusel. Der ein oder andere kennt mich vielleicht aus dem Posaunenchor Neuhäusel, in dem ich seit mehr als 10 Jahren aktiv bin. Im Frühjahr dieses Jahres habe ich die Schule beendet. Dann stellte sich die große Frage, wie es weitergehen soll. Ins Ausland wollte ich, das stand fest. Doch wo, was und wie genau? An Ideen mangelte es in meinem Umfeld nicht –danke an dieser Stelle für all‘ die tollen Anregungen! Die Idee des Volontariats in einem Kibbuz kam sprichwörtlich zwischen Tür und Angel auf. Von Neugier getrieben, googelte ich den Begriff „Kibbuz“, den ich, zugegebenermaßen, noch nie zuvor gehört hatte.  Wenn ich ehrlich bin, hatte ich mich weder großartig für Israel interessiert , geschweige denn mit dem Gedanken gespielt, dieses Land zu besuchen.

Kibbuz (hebräisch für „Gemeinschaft“, „Versammlung“) bezeichnet man eine ländliche Kollektivsiedlung in Israel mit gemeinsamem Eigentum und sozialwirtschaftlichem System. Die Ideologie der Kibbuzgründer war sozialistisch und zionistisch geprägt. Unterscheiden lassen sich generell säkulare Kibbuzim und religiöse Kibbuzim. Erstere sehen  jüdisch- religiöse Traditionen zwar nicht mehr als verbindlich an, dennoch werden die Feiertage und Feste immer noch begangen; die anderen pflegen die religiösen Traditionen und betrachten sie als verbindlich für ihre Mitglieder. In einem dieser über 270 Kibbuzim befinde ich mich nun seit ca. 3 Monaten.  „Mein“ Kibbuz heißt Geva und zählt zu den säkularen Kibbuzim, im Nord-Osten Israels, nahe Nazareth, unweit der Grenze zu Jordanien gelegen. Der Berg „Gilboa“, an dem König Sauls Söhne im Kampf gegen die Philister gefallen sind (1. Samuel), trennt uns hier von jener politisch-geografischen Grauzone, die Westbank, Westjordanland oder auch Palästina genannt wird.

Geva  gehört zu der Generation Kibbuzim, die vor der Gründung Israels 1948 errichtet worden sind. 12 Arbeiter aus Polen und Russland ließen sich am 21. 12. 1921 an dem Ort im Jezreel Valley nieder, an dem heute ungefähr 1000 Kibbuzniks leben. Im Laufe der Jahre hat sich eine florierende Gemeinschaft gebildet, die sich hauptsächlich von  Landwirtschaft (Mandeln, Zitrusfrüchte, Rinderhaltung, Fischzucht) und Maschinenbau (pneumatischer Anlagenbau) ernährt und finanziert. Der Tourismus spielt kaum eine Rolle. Das Leben hier ist ähnlich dem eines Dorfes: Es gibt zwei Supermärkte, eine Klinik, viele Kindergärten und Spielplätze, ein Heimatmuseum, eine große Halle für Veranstaltungen jeglicher Art, eine öffentliche Bücherei, ein Postamt,  ein Altenheim, ein öffentliches Fitnessstudio, einen öffentlichen Pool, eine Fabrik, eine Molkerei, einen Farmbereich mit Kühen, Hühnern, Pferden und der größten Schafzucht Israels. Jeder kennt jeden, man grüßt sich auf der Straße und hält hier und da inne für einen kurzen Plausch. Das politische System basiert auf basisdemokratischen Strukturen. Jede einzelne Branche besitzt ihr eigenes Komitee, das über die alltäglichen Dinge abstimmt und entscheidet. Geht es um größere Veränderungen, wird in der Generalversammlung darüber diskutiert. Diese findet regulär alle 2 Monate statt. Jeder kann eine Beschwerde oder einen Vorschlag einreichen, man kann sich als Sprecher anmelden, ansonsten gibt es auch eine TV-Übertragung. Entscheidungen werden grundsätzlich mittels geheimer Wahl gefällt. Für Grundsatzentscheidungen benötigt man eine Mehrheit von mindestens 70 %, ansonsten reichen mehr als 50 %.

 Geva gehört zu einem der wenigen Kibbuzim in der heutigen Zeit, die noch nicht privatisiert worden sind. D.h., dass die ursprüngliche Kibbuzidee im täglichen Leben immer noch Einzug hält: Im Obst-und Gemüseladen gibt es eine eigene Abteilung mit diversen Gemüsearten, Eiern, Brot, Milch und Joghurt, für die man nichts bezahlen muss. Die Wäscherei bietet einen kostenlosen Wasch-und Faltservice 6 Tage die Woche. Der Speisesaal hält kostenloses Frühstück und Mittagessen für alle bereit. Jedem Einwohner wird eine Möglichkeit zur Arbeit geboten. Hierbei ist zu erwähnen, dass jeder das gleiche Gehalt bekommt, egal welchem Beruf er nachgeht. Viele junge Menschen verlassen ihren Kibbuz nach der Schule, gehen zum Studieren zur Universität, um dann zur Familiengründung wieder zurück in einen Kibbuz zu ziehen. Hierbei ist auffallend, dass nicht wenige von ihnen mit ihrem erlernten Beruf nichts mehr zu  tun haben, sondern Arbeiten annehmen, die der Gemeinschaft und dem Kibbuz dienen.

Geva beherbergt momentan 24 Volontäre aus der ganzen Welt: Argentinien, USA, Kanada, Australien, Südafrika, Korea, Dänemark, Schweden, Großbritannien, Niederlande, Frankreich, Litauen und Deutschland, eine bunt gemischte Truppe also. Das Gleiche gilt für das Alter: Die Spanne reicht von 18-33 Jahren, wobei die Mehrheit Anfang bis Mitte Zwanzig ist. Auch die Aufenthaltsdauer variiert zwischen 2-9 Monaten.

Niemand wusste bei seiner Ankunft in Israel, wo genau er die nächste Zeit verbringen würde und welche Art von Arbeit auf ihn zu käme. Das Kibbuz-Programm-Center in Tel Aviv erwartet jeden zukünftigen Volontär und sucht nach freien Plätzen in allen Kibbuzim im Land, die Volontäre aufnehmen. Große Entscheidungsfreiheit hat man hierbei jedoch nicht. Meist muss man sogar mehrere Tage warten, bis schließlich ein freier Kibbuz gefunden wird. Ich hatte Glück und wurde direkt einem Kibbuz zugewiesen. Dieser ist zunächst einmal nur ein fremdklingender Name auf einem Stück Papier, mit passender Wegbeschreibung. Es ist schon ein komisches Gefühl, in einem fremden Land in einem Bus neben vielen volluniformierten Soldaten samt Waffe zu sitzen, ohne genau zu wissen, was beim Aussteigen auf einen zukommt. Die 3 Stunden Busfahrt nutzte ich, um Geva auf der Landkarte zu suchen und mir eine grobe Orientierung zu verschaffen. Am Ziel angekommen war mein erster Gedanke: „Was machst du hier bloß?“ Obwohl ich vorher natürlich recherchiert hatte, hatte ich genau genommen gar keine Ahnung, wie es in einem Kibbuz wirklich abläuft. Es ist etwas völlig anderes, wenn man durch das Eingangstor geht und plötzlich mitten im Geschehen steht, ohne seinen eigenen Platz in dieser neuen Umgebung zu kennen.

Dieser ist rein wörtlich genommen ein Zimmer mit spartanischer Einrichtung: Drei einfache Betten, Schränke, ein Tisch und natürlich eine Klimaanlage. Dieses kleine Reich teile ich mir mit einer Französin und einer Argentinierin. Es gibt einen  Jungen- und einen Mädchentrakt mit jeweils 5 Zimmern, zwei Toiletten und zwei Duschräumen. Es gibt einen Gemeinschaftsraum mit TV und Computer, einen Klassenraum, eine kleine Küche und einen Wäscheraum.

Bei meiner Ankunft wurde ich von den anderen Volontären sehr herzlich willkommen geheißen, denn jeder weiß aus eigener Erfahrung, wie man sich am Anfang fühlt. Alles ist neu und ungewohnt. Das fängt mit der Sprache an, geht über das gemeinsame Frühstück und Mittagessen im Speisesaal mit mehreren hundert Personen, die Markierung der eigenen Kleidung für die Wäscherei, dem sonntäglichen Roomcheck und endet im dominierenden Gemeinschaftsgedanken. Für eine Arbeitswoche von 6 Werktagen à 7 Stunden, mit 2 freien Tagen im Monat erhalten die Volontäre umgerechnet ca. 26 Euro, die jeden Sonntag nach der Zimmerkontrolle in sogenanntem FunnyMoney (grüne und gelbe Papierscheine, ähnlich dem Monopoly-Spielgeld, im Wert von 1, 5 und 10 Schekel)ausgezahlt werden. Dies ist eine eigene Währung für die Volontäre und hier stationierten Soldaten, die nur in Geva von Wert ist. Die Kibbuzniks haben ein eigenes Konto, von dem alle Abgaben abgezogen werden, das gilt auch für die alltäglichen Einkäufe. Die Bezahlung erscheint zunächst sehr bescheiden, allerdings darf man nicht außer Acht lassen, dass wir vieles umsonst bekommen. Um das ganze System des Kibbuz besser zu verstehen, gibt es die Möglichkeit für Volontäre, eine Kibbuzmutter/-familie zu bekommen. Diese liefert einem mehr Informationen über das Kibbuzleben und steht bei Fragen gerne zur Seite.

Die Volontäre arbeiten in ganz verschiedenen Bereichen: Während die einen sich um die Viehzucht kümmern, arbeiten andere im Altenheim.Es gibt eine Stelle für alle Gartenarbeiten und zwei in der Wäscherei. Außerdem arbeiten viele in der kibbuzeigenen Fabrik „Baccara“, die das Haupteinkommen liefert und Geva zu einem sehr wohlhabenden Kibbuz macht. Ich hatte das Glück, am Pool arbeiten zu dürfen. Dieser hat wetterbedingt seit Ende Oktober leider geschlossen, so dass ich nun mit 6 anderen Volontären die Arbeit im Speisesaal erledige.  

Das Leben in einem Kibbuz ist ein sehr angenehmes und einfaches. Es ist eigentlich für alles gesorgt. Wenn man Hilfe braucht, wird solange nachgefragt, bis man sie schließlich erhält. Es ist ein Geben und Nehmen, fast alles wird geteilt. Man kann hier wie ein Millionär leben, ohne einer zu sein. Die größte Sorge eines Volontärs ist, morgens rechtzeitig zur Arbeit zu gehen. Für die Kibbuzniks sieht das vielleicht ein wenig anders aus, dennoch wird das Leben hier als sorgenlos und bequem beschrieben. Fast jeder Israeli hat irgendwelche Verwandte, die in einem Kibbuz leben.

Man lebt wie in einer Blase, in einer eigenen kleinen Welt. Diese unterscheidet sich in vielen Hinsichten von dem Leben außerhalb eines Kibbuz,  vor allem auf der gemeinschaftlichen Ebene. Dies ist einer der Gründe, warum ein Kibbuz so attraktiv für Städter zur Familiengründung und das Älterwerden ist. Denn Kinder und Senioren werden besonders gefördert.

Allerdings wird einem diese kleine Welt manchmal auch etwas zu klein: Jeder ist über alles genauestens informiert, es gibt keine Geheimnisse. Man lebt wie in einer großen  Familie, deren Vorzüge und Nachteile das tägliche Leben stets beeinflusst.

Mein persönliches Zwischenfazit nach der Hälfte meines Aufenthaltes:

Der Kibbuz ist eine einzigartige und sehr interessante Lebensform, die es sich auf jeden Fall zu erhalten lohnt. Er ist Teil der Kultur und Geschichte Israels. Das Leben als Volontär in einer solchen Gemeinschaft ist sehr angenehm und bequem, für eine Auszeit genau das Richtige. Auf Dauer jedoch würde mich diese isolierte Welt zu sehr einschränken und beengen.

Ich hoffe, einen Eindruck dessen gegeben zu haben, wie das Leben als Volontär in einem Kibbuz aussehen kann. Es ist ein persönlicher Erfahrungsbericht, der nicht  pauschalisiert werden kann. Aus Gesprächen mit Volontären anderer Kibbuzim wird ersichtlich, dass es auch ganz anders sein kann.

Für Fragen und weitere Informationen stehe ich gerne bereit. Ich freue mich auf viele E-Mails, die vom Pfarrbüro an mich weitergeleitet werden! Ansonsten bin ich auch über den Postweg erreichbar:

Vol  Sarah
Kibbuz Geva
Israel
18915

 Bis dahin viele Grüße aus Israel - ich wünsche allen eine besinnliche Adventszeit.

Eure Sarah